Manchmal musst du alles verlieren, um dich selbst wiederzufinden

Lange ist es her, dass ich mich gemeldet habe. Ich hatte euch gesagt, dass mein Leben sich in einem absoluten Umbruch befindet – nach sechzehn Jahren in meiner alten Wohnung, an einem Ort ohne Zukunft, ohne Freundlichkeit, ohne das Gefühl, wirklich zu leben. Ketten zu sprengen bedeutet, über sich selbst hinauszuwachsen. Im Dezember und Januar habe ich meinen Auszug geplant. Ein Aufbruch in ein Leben, ohne genau zu wissen, wohin es mich treiben würde – nur ich und meine kleine Laika. Wenn man eine Reise in sich selbst beginnt und die alten Ketten zerreißt, dann gibt es keinen doppelten Boden, nichts – nur meine Reise zu mir selbst beginnt. Als es mit meiner Wohnung zu Ende ging, zeigte sich glasklar, auf wen ich mich verlassen kann – und wer nur Zuschauer am Rand meines Lebens war, ohne echtes Interesse. Überraschend war das nicht. Ich wusste es von Anfang an. So gehen Kapitel zu Ende, damit neue beginnen können. Ende Januar bin ich aufgebrochen, mit dem Nötigsten, das in mein Auto passte, und fuhr Richtung Norden. Es war kalt, Winter pur, und die Realität traf mich und Laika mit voller Wucht ins Gesicht. Ich war am Ende, übermüdet, und musste mit Laika im Auto schlafen – bei minus fünfzehn Grad, eisigem Wind. Wau. Es war eng, aber wir hatten es warm, und wir hatten uns. Egal, was ich tue: Laika muss es gut gehen. Dann komme ich. Die Nacht war unglaublich kräfteraubend, zumal ich keinen Hunger hatte und seit zwei Tagen kaum etwas gegessen hatte. Der Morgen brach an, und wir machten uns weiter auf den Weg durch diese eisige Welt, immer weiter nach Norden. Kurz vor unserem Ziel suchte ich nach einer Unterkunft. Wärme, eine Dusche, ein Bett – wir beide hatten das bitter nötig. Meine Freunde hatten keine Ahnung, in welche Richtung es mich ziehen würde.

Angekommen im Norden – und endlich im Leben

Seit dem 2. Februar habe ich – dank einer echten Kamikaze-Aktion – eine wunderschöne Wohnung gefunden. Möbel? Fehlanzeige. Küche? Auch nicht in Sicht. Aber ganz ehrlich: In Friesland eine Wohnung mit Küche zu bekommen, ist wie auf ein Wunder zu warten. Wenn man darauf besteht, bekommt man am Ende gar nichts. Also habe ich genommen, was das Leben mir hingeworfen hat. Und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Denn die Welt hier oben ist… anders. Friesisch. Erdverbunden. Warmherzig. Die Menschen tragen eine Ruhe in sich, die man im Süden kaum findet. Und die Küche – mein Gott, diese Küche. Deftig, ehrlich, sättigend. Nach dem Essen braucht man fast einen Verdauer, sonst liegt einem der berühmte „Klotz im Bauch“. Die salzige Luft tut ihr Übriges, sie macht hungrig und gleichzeitig satt auf eine Art, die ich vorher nicht kannte. Und dann dieses Naturwunder: das Packeis. Ein gigantisches, stilles Schauspiel, das zeigt, wozu die Natur fähig ist. Ich stand davor wie ein Kind, das zum ersten Mal Packeis sieht.

Ich als Südländerin kann nur sagen: Ich bin angekommen. Endlich.

Meine Krankheit macht sich hier nicht mehr bemerkbar. Ich brauche keinen Alkohol mehr, um das Leben auszuhalten. Ich bin frei – mit allem, was ich bin. Selbst wenn ich auf Ämtern sitze, genieße ich jeden Tag. Man schaut hier in Gesichter, die glücklich sind. Und genau das nenne ich Leben. Sobald Ämter und Co. erledigt sind, geht es richtig los: Schreiben, Projekte, Fotos, Restaurantbewertungen, kleine Geschichten über die friesische Lebensharmonie. All das wartet schon in mir, bereit, endlich rausgelassen zu werden.

Ich bin hier. Ich bleibe hier. Und ich bin glücklich wie nie zuvor.